Foto: Pasquale Farro / Unsplash
Führung
Die nächste Generation von Führungskräften gewinnen: Warum Kultur von Worten zu täglichen Tugenden werden muss
Um talentierte Führungskräfte zwischen 20 und 40 Jahren zu gewinnen und zu halten, dürfen Werte keine Slogans an der Wand bleiben. Entdecke, wie aus gelebten Tugenden eine widerstandsfähige Kultur entsteht, die die nächste Generation begeistert.
Als wir xpand 1987 gründeten, waren wir eine kleine Gruppe von Idealisten mit großen Träumen. Bestenfalls blickten wir fünf Jahre voraus. Heute, fast vier Jahrzehnte später, schaue ich auf unser wachsendes Team und stelle fest, dass viele unserer ursprünglichen Träume in Erfüllung gegangen sind – und genauso viele nicht! Es war eine wunderbare, holprige und zutiefst bereichernde Reise.
Jetzt, als Mitgründer, befinde ich mich in einem ganz natürlichen Übergang. Schritt für Schritt übergebe ich die operative Verantwortung an jüngere Kolleginnen und Kollegen. Wenn wir auf die nächsten zehn Jahre blicken, lautet unsere drängendste Frage nicht nur, wie wir wachsen, sondern wie wir die nächste Generation talentierter Führungskräfte und Fachkräfte gewinnen, integrieren und halten können.
Vielleicht kennst du das aus deiner eigenen Organisation. Du schaust in die Runde und fragst dich: Wie sprechen wir Führungskräfte zwischen 20 und 40 Jahren an – und wie stellen wir sicher, dass sie langfristig bleiben?
Diese jüngere Generation bringt frische Energie mit, aber sie stellt auch klare Erwartungen. Sie sucht kein schickes Eckbüro oder eine glanzvolle Broschüre. Sie sucht nach einer stabilen, sinnhaften Kultur, in der Grundwerte im Alltag tatsächlich gelebt werden. Sie fragt nicht: „Was sind eure Versprechen?“, sondern: „Lebt ihr das, was ihr vorzugeben glaubt?“
Die Architektur einer dauerhaften Kultur
Als gelernter Architekt betrachte ich Organisationen oft durch die Brille von Fundamenten, Pfeilern und Dächern. Du kannst das prächtigste Gebäude auf dem Papier entwerfen, aber wenn das Fundament nicht trägt oder die Pfeiler hohl sind, bricht das Bauwerk beim ersten schweren Sturm zusammen.
In vielen Unternehmen werden Kernwerte wie Wanddekoration behandelt – schöne gerahmte Poster im Empfangsbereich. Aber die nächste Generation hat ein feines Gespür für Scheinheiligkeit. Sie erkennt die Lücke zwischen Worten und Realität sofort.
„Werte beschreiben, was wir für wesentlich halten. Tugenden aber sind die täglichen, ethischen Gewohnheiten, die diese Werte zum Leben erwecken.“
In seinem tiefgründigen Buch What You Do Is Who You Are macht der Wirtschaftdenker Ben Horowitz eine entscheidende Unterscheidung, die mein eigenes Denken stark geprägt hat. Er weist darauf hin, dass es nicht reicht, bei den Kernwerten stehenzubleiben. Du musst diese Werte in Tugenden übersetzen.
Ein Wert ist eine Überzeugung, wie zum Beispiel Ehrlichkeit. Eine Tugend ist eine beständige, gelebte Gewohnheit, wie etwa immer die Wahrheit zu sagen, selbst wenn es etwas kostet. Wenn ich sage, dass unser Wert Wahrhaftigkeit ist, ich aber nur dann die Wahrheit sage, wenn es mir gerade passt, dann ist Wahrhaftigkeit in unserer Kultur keine Tugend. Sie ist lediglich ein Wunsch.
Von Kernwerten zu täglichen Gewohnheiten
Um eine Organisation aufzubauen, die über Generationen hinweg Bestand hat, muss die Summe der Werte deiner Führungskräfte einen klaren, gesunden Kanon bilden. Im Laufe der Jahrzehnte haben wir unsere eigenen Kernwerte verfeinert, um das widerzuspiegeln, was uns wirklich wichtig ist: Eigenverantwortung, eine Kultur der Wertschätzung, mutige und dienende Führung, kreative Meisterschaft und soziales Unternehmertum.
Diese Werte sind die Versprechen, die wir einander und unseren Kunden geben. Aber wie schlägt man die Brücke von einem hehren Wert zum Montagmorgen um 09:00 Uhr?
Indem man eine klare Brücke baut: Werte werden zu Tugenden, und Tugenden werden zu konkretem Verhalten.
Nehmen wir ein konkretes Beispiel. Angenommen, dein Kernwert ist Eigenverantwortung. Wie machst du das für eine junge Teamleitung greifbar?
- Der Kernwert: Eigenverantwortung.
- Die Tugenden: Selbstführung, Resilienz und bewusstes Leben.
- Einige der gelebten Verhaltensweisen:
- Verhalten A: Du planst jede Woche bewusst Zeit für stille Reflexion ein, um deine Vision, Ausrichtung und Prioritäten zu überprüfen und sie in tägliche Handlungen zu übersetzen.
- Verhalten B: Du praktizierst Selbstdisziplin, indem du deine tägliche Energie zuerst auf dein wichtigstes strategisches Projekt konzentrierst, bevor du auf E-Mails reagierst.
Wenn eine junge Fachkraft sieht, dass erfahrene Führungskräfte genau diese Verhaltensweisen vorleben, wächst das Vertrauen. Misstrauen führt zu Kontrolle und Mikromanagement; echtes Vertrauen bringt Freiheit und Verantwortung. Die nächste Generation entfaltet sich in einer Atmosphäre des Vertrauens, aber dieses Vertrauen muss in einem sichtbaren Charakter verankert sein.
Wie würden deine Kernwerte aussehen, übersetzt in Tugenden und gelebtes Verhalten?
Wo stehst du hier? Mach den 5-Minuten-Scan.
Scan starten — kostenlos