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Führung
Wage es, du selbst te sein: Warum authentische Führung mit Versöhnung beginnt
Echte Führung verlangt keine perfekte Rolle, sondern den Mut, sich selbst zu kennen und anzunehmen. Entdecke, wie eine versöhnte Vergangenheit zum Schlüssel für authentische Wirkung wird.
Eine ungewöhnliche Lektion am Freitagnachmittag
Ich muss ab und zu an Peter F. Drucker denken. Er gilt als der Begründer der modernen Managementtheorie, schrieb etliche Bücher, beriet Staatsoberhäupter und blieb bis ins hohe Alter von 94 Jahren ein scharfsinniger Beobachter von Mensch und Organisation. Aber was mich an ihm am tiefsten berührt hat, war nicht sein enormer Intellekt. Es war etwas völlig anderes.
Sein ganzes Berufsleben lang stand Drucker jeden Freitagnachmittag in einer ganz normalen High School vor der Klasse, um Jugendliche zu unterrichten. Als ihn ein Journalist einmal leicht spöttisch fragte, warum er zwanzig Prozent seiner kostbaren Zeit an Teenie-Jugendliche „verschwende“, die seine Bücher nicht einmal gelesen hätten, antwortete er ruhig: „Sie verstehen das nicht ganz. Diese Freitagnachmittage sind für mich genauso wichtig wie für sie. Jeden Freitag lerne ich wieder neue Dinge von ihnen.“
Das ist für mich der Kern dessen, was wir heute Cutting-Edge Leadership nennen. Nicht die Hochmut des Experten, der schon alles weiß, sondern die Demut des Lehrmeisters, der lernbegierig und dienend durchs Leben geht. Drucker wagte es, voll und ganz er selbst zu sein: ein Professor von Weltformat und zugleich ein einfacher Lehrer am Freitag. Er hatte den Mut, der zu sein, der er war, und die Weisheit, nicht den zu spielen, der er nicht war.
In einer Welt, die von Tag zu Tag schneller, unvorhersehbarer und komplexer wird – was wir auch als VUCA- oder BANI-Welt bezeichnen –, suchen wir oft nach komplizierten Managementmodellen. Doch das echte Fundament nachhaltiger Führung liegt überraschend nah. Es beginnt bei dir selbst.
Die drei Säulen des Vertrauens
Menschen folgen keinen Funktionstiteln, Organigrammen oder Strategiepapieren. Menschen folgen Personen. Und sie tun das nur, wenn Vertrauen da ist. Harvard-Professorin Frances Frei zeigt, dass Vertrauen auf drei festen Säulen ruht: Authentizität, Empathie und Logik.
Fehlt die Logik, verstehen die Menschen deine Pläne nicht. Fehlt die Empathie, fühlen sie sich nicht gesehen. Doch wenn die Authentizität ins Wanken gerät – wenn man vermutet, dass du eine Maske trägst oder eine Rolle spielst –, bricht das gesamte Gebäude innerhalb von Sekunden zusammen. Denn Misstrauen erzeugt Kontrolle, aber Vertrauen bringt Freiheit.
Authentisch zu sein bedeutet schlichtweg: die Fähigkeit, deine eigene Geschichte zu kennen, dich mit ihr zu versöhnen und sie mutig anzunehmen. Es ist die Erkenntnis, dass du keine Leistung erbringen musst, um wertvoll zu sein. Nicht: „Ich vertraue dir, weil du so gute Leistungen erbracht hast“, sondern: „Ich vertraue dir etwas an, weil ich an deinen Charakter glaube.“
Um diese Authentizität in deiner Führung zu verankern, helfe ich Führungskräften oft dabei, an drei praktischen Facetten zu bauen.
1. Versöhne dich mit deiner eigenen Vergangenheit
Wer seine eigene Geschichte nicht kennt oder versucht, sie wegzudrücken, kann heute nicht wirklich frei sein, kann seine Zukunft nicht sinnvoll planen und wird seine Leute ins Verderben führen.
Wir sehen es leider viel zu oft. Charismatische Führungskräfte, die aus einem unverarbeiteten Geltungsbedürfnis oder einer alten Wunde aus ihrer Jugend heraus ihre Mitarbeiter, ihre Organisation oder sogar ein ganzes Land in den Abgrund reißen. Sie versuchen auf der Bühne von heute einen Kampf zu gewinnen, der gestern schon verloren ging.
Authentizität beginnt deshalb mit dem Mut, zurückzuschauen. Schreib deine Geschichte einmal auf. Schau nicht nur auf die Gipfel – die Erfolge, auf die du stolz bist –, sondern wage es auch, den tiefen Tälern und den Krisenmomenten ins Auge zu blicken. Denn das ist die bemerkenswerte Dynamik unseres Lebens:
- Hinter deinen Erfolgen entdeckst du oft deine intrinsischen Talente und deine Stärken.
- Hinter deinen Krisenmomenten verbergen sich fast immer deine wichtigsten Lebenslektionen und deine Charakterbildung.
Erst wenn du „Ja“ zu deiner gesamten Geschichte sagst – mit den Narben und den Siegen –, entsteht Ruhe. Wie der Philosoph Romano Guardini es so wunderbar ausdrückte: „Mut ist die Fähigkeit und der Wille, deine ganze Existenz voll und ganz als deine einzigartige Berufung in diesem Leben anzunehmen.“
2. Entdecke dein einzigartiges Potenzial
Kein Mensch ist als Blaupause eines anderen gedacht. Eine der schönsten Aufgaben einer Führungskraft ist es, ein solides Fundament unter das eigene Haus zu bauen. Als Architekt deiner eigenen Führung schaust du auf die Träger und die Säulen. Was bringst du einzigartig mit an den Tisch?
Es hilft, dein Potenzial entlang von fünf konkreten Linien klar zu kartieren:
- Deine Talente: Was fällt dir von Natur aus mühelos zu?
- Deine persönlichen Stärken: Welche Fähigkeiten hast du dir im Laufe der Jahre angeeignet?
- Dein optimales Umfeld: In was für einer Kultur und Umgebung blühst du auf?
- Deine Werte und Motive: Was setzt dein Herz in Flammen, und wo ziehst du eine Grenze?
- Deine Führungsprinzipien: Welche unverhandelbaren Anker setzt du, wenn es stürmt?
„Mut ist die Fähigkeit und der Wille, deine ganze Existenz voll und ganz als deine einzigartige Berufung in diesem Leben anzunehmen.“ — Romano Guardini
Es erfordert Disziplin, sich hierfür wirklich Zeit zu nehmen. Ich selbst nehme mir alle paar Jahre ausführlich Zeit, um mein eigenes Profil wieder einmal gegen das Licht zu halten. Nicht um mir selbst eine Note zu geben, sondern um klar zu bekommen, wo ich wachsen darf. Und ganz wichtig: Besprich das Ergebnis mit zwei weisen Mentoren oder guten Freunden. Sie blicken oft viel ehrlicher auf dich als du selbst.
3. Formuliere eine klare Passion und Mission
Passion und Mission werden in der Unternehmenswelt gerne in einen Topf geworfen, aber es sind zwei Seiten derselben Medaille.
Passion dreht sich um die Frage: Wofür brennt mein Herz? Was berührt dich zutiefst? Das kann die Sehnsucht nach Schönheit sein, der Drang, Ungerechtigkeit zu beseitigen, oder die Freude, junge Menschen aufblühen zu sehen. Passion gibt dir den Treibstoff und die Energie, um durchzuhalten, wenn es schwierig wird.
Mission dreht sich um die Frage: Wie setze ich diese Passion und meine Talente ein, um dem anderen zu dienen? Jeder Mensch hat das tiefe Bedürfnis, von Bedeutung zu sein. Viktor Frankl, der Psychiater, der die Schrecken der Konzentrationslager überlebte, zeigte schon in seinem Meisterwerk Trotzdem Ja zum Leben sagen, dass Sinnerfüllung kein luxuriöses I-Tüpfelchen ist, sondern das absolute Fundament einer menschenwürdigen Existenz.
Als wir mit unserem Team vor mehr als dreißig Jahren unsere eigene Mission formulierten, schrieben wir auf: „Wir haben die Passion, Menschen und Organisationen darin zu unterstützen, ihre einzigartige Berufung zu finden und zu leben.“ Dieser eine Satz ist bis zum heutigen Tag mein Kompass geblieben. Er hilft mir, „Ja“ zu den Dingen zu sagen, auf die es ankommt, und voller Überzeugung „Nein“ zu sagen zu dem, was nicht zu mir passt.
Der Weg der Meisterschaft: kleine, stetige Schritte
Niemand wacht eines Morgens als vollkommen authentische Führungskraft auf. Es ist eine Reise des Fallens, Aufstehens und Nachjustierens. Es geht nicht darum, dass du perfekt bist, sondern dass du weißt, in welche Richtung du dich bewegen willst. Meisterschaft wächst schließlich nicht durch große, spektakuläre Sprünge, sondern in kleinen, stetigen Schritten.
Ein alter Lehrmeister, Bernhard von Clairvaux, schrieb schon im zwölften Jahrhundert einen Brief an einen seiner ehemaligen Schüler, der gerade zum Papst gewählt worden war. Er gab der frischgebackenen Führungskraft einen eindringlichen Rat mit auf den Weg: „Wenn du wahrhaft gut sein willst für die Welt um dich herum, vergiss nicht, auch gut zu dir selbst zu sein. Sei so, wie du für andere bist, auch für dich selbst da.“
Authentische Führung ist deshalb nicht nur ein Geschenk an dein Team, sondern auch ein Akt der Barmherzigkeit dir selbst gegenüber. Du musst nicht die Rolle des unfehlbaren Helden spielen. Du darfst einfach Mensch sein.
Ein kleiner Gedanke zum Mitnehmen
Wenn du heute auf deine eigene Führung blickst – im Spiegel deiner Arbeit, deiner Familie oder deiner Gemeinschaft – wo stehst du dann wirklich? Nicht wo du stehen möchtest, sondern wo du heute tatsächlich stehst?
Wagst du es, mit milde Augen auf deine Vergangenheit zu schauen, mit all ihren Erfolgen und Krisen? Und hast du den Mut, zu dem zu stehen, wer du bist, ohne jemand werden zu müssen, den andere von dir erwarten?
Die Einladung für diese Woche ist ganz einfach: Nimm dir einmal eine Stunde Zeit. Schnapp dir ein leeres Blatt Papier, mach dir einen Kaffee und schreibe drei Dinge aus deiner Geschichte auf, für die du dankbar bist, und eine Sache, die du ab jetzt loslassen darfst.
Herzliche Grüße
Paul Donders
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